Darum geht’s

[März 2026: leicht angepasster Text.]

Eigentlich, also ganz ursprünglich, lange vor dem Newsletter, sollte hier eine Arbeitsplatztausch-Plattform entstehen – für Journalist:innen im Überregionalen und Regionalen, für Kolleg:innen von Radio, TV, Print und Online: zwischen Ost und West.
Um zu demonstrieren, wie heterogen bundesdeutsche Perspektiven sind, wie Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern vielleicht mehr Schnittmengen haben als mit Sachsen oder Bayern, wie auch ein Blickwechsel zwischen Kiel und Konstanz relevant sein kann, heißt das Ganze eben explizit: Ost-West-Nord-Süd – und das „x“ steht fürs Tauschen. Ja, bisschen viele Silben im Mund, aber so isses jetzt.

Die Idee:
Biete drei Wochen „Stern“, biete zwei Wochen, zwei Monate Freie Presse, SWR, Dresdner Neueste Nachrichten, Badische Neueste Nachrichten
– suche zwei Wochen, zwei Monate, drei Wochen Super-Illu, MDR-Thüringen, Rheinpfalz, WDR2, Märkische Oderzeitung. Ein Prinzip bekannt von Kleinanzeigen und Betten- und Zimmerbörsen. Von Schulklassenaustausch, wie bei uns Anfang der 1990er, zwischen Bruchsal und Jena.

Das war der Ursprung von ostwestnordsuedx.
Daraus wurde der Newsletter ownsx, der alle 14 Tage montags erscheint.

Wieso die Plattform nur Idee blieb, flankiert von Material und Texten (siehe „Die Grundlagen“ oben im Menü): Es kam das Leben dazwischen, der Beginn eines radikalen Branchenwechsels, dazu Corona. Der Newsletter jedoch blieb und wuchs. Die eigentliche Idee liegt seither auf Eis.

Aber eigentlich, dahinter, geht es:

Um das hier:
Ein Text über die Geschichte von Frauenrechten in Deutschland – ohne die DDR-Seite mitzuerzählen. Berichte über die Einführung der Masernimpfung in Deutschland – ohne zu erwähnen, wann man damit in der DDR begann (1970). Eine Feuilletondebatte über rassistische Sprache in Kinder- und Jugendbüchern – ohne in Betracht zu ziehen, dass die Werke von Otfried Preußler und größtenteils auch Astrid Lindgren bis 1989 nur in Westdeutschland zum Kanon gehörten.

Und das hier:
„Wir sind echt spät dran“, sagte Zeit-Ost-Korrespondent Martin Machowecz am Abend der Landtagswahl in Brandenburg und Sachsen in der Runde bei Anne Will: 28 Jahre habe man gar nicht darüber geredet, warum sich so viele Ostdeutsche „abgehängt“ und nicht „als Teil der Diskurse“ fühlten. Will hakte nach, „die Ostdeutschen“, damit bürste man doch alle über einen Kamm, oder?

Auch um das hier:
Wie verbreitet der Blick ist, den Will zitiert, zeigt eine Analyse des Kommunikationsforschers Johannes Hillje auf Zeit Online, der feststellte, dass der Begriff „Ostdeutschland“ in den letzten fünf Jahren mehr als zweimal so oft (knapp 104.000) in deutschen Medien auftauchte wie „Westdeutschland“ (knapp 50.000): „Dieses geografische Framing der politischen Berichterstattung reproduziert ein Stück weit die Teilung des Landes. Und zwar jeden Tag aufs Neue“, stellt Hillje fest und diagnostiziert bei der Berichterstattung „Ostalismus“. Dazu die eindimensional negativ konnotierte Berichterstattung über “Ostdeutschland” – laut einer MDR-Studie von 2019 ab 2004 mehrheitlich in Verbindung mit dem Begriff “Armut”, aktuell mit “abgehängt”.

Und das:
Die Debatte um ein jüngeres Spiegel-Cover, ein Anglerhut in schwarz-rot-gold, Schlagzeile: “So isser, der Ossi”, ein Verweis auf den “Hutbürger” (Sommer 2018, Demonstration in Dresden, ZDF-Drehverbot, man erinnert sich). Und der Kommentar zur Debatte, hinterher: “Wer seine Heimat liebt, der kann doch gelassen bleiben.” Hier Bayern also, ein Bundesland, dort “der Osten” so differenziert wie eine homogene Landmasse. Dazu ist das Klischee bayerischer Gemütlichkeit nun einmal deutlich anders als „Abgehängtsein“.

Kurz:
Um noch einmal auf den Satz von Zeit-Kollege Machowecz zu sprechen zu kommen: Es gibt also inzwischen ein Ost/West-Gespräch – aber: Wer spricht hier wie über wen? Und von welchem „wir“ aus? Wer dominiert das Gespräch?

Das Nachdenken über Ost/West-Journalismus ist überfällig – und dann auch zu handeln. Ein ganz echter Ost/West-Arbeitsplatztausch ist eine erste niedrigschwellige Lösung. Denn was für manche Redakteur*innen nur Details sind, steht für eine mehrfache Ungleichheit: Ostdeutsche und ostdeutsche Themen sind in überregionaler Berichterstattung oft nur „mitgemeint“. Weil diejenigen, die diese Perspektiven einbringen und damit für gesamtdeutsche Diversität in den Medien sorgen könnten, in den entscheidenden Redaktionen oft nicht ausreichend vertreten sind (erste Zahlen dazu habe ich für Medium Magazin 04/2019 erhoben – hier).

Statt der Tauschplattform, die hier entstehen sollte, gab es lange nur den Twitter-Kanal ownsx, bis ich im Dezember 2019 den Presseschau-Newsletter als inhaltliche Plattform startete: um die vielen Beiträge und Debattenstücke zu bündeln, die darüber nachdenken, wie gesellschaftliche Diversität, Chancengleichheit und (mediale) Repräsentanz bei Ost/West-Journalismus zusammenhängen.

Drei Jahrzehnte nach Mauerfall und Wiedervereinigung war das „echt spät dran“ – aber *jetzt* ist immer früh genug, etwas zu ändern. Auch nach wie vor erstmal ohne die Arbeitsplatztausch-Plattform.

Macht mit.
Es tut uns allen gut.


Für den Austausch mit Kolleg:innen in Ost-West-Nord-Süd können Sie sich hier eintragen – nach wie vor nur als laufender Test … falls eine kritische Masse zusammenkommt, werden Sie von mir hören.